Die Angst vor der Lücke

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Abiturientinnen und Abiturienten sowie Berufserfahrene haben unzählige Möglichkeiten. Sie können zwischen rund 19.000 Studiengängen und über 300 Ausbildungsberufen wählen. Die Wahrscheinlichkeit dabei nicht sofort das Richtige zu finden, ist groß. Doch die Angst vor einer Lücke im Lebenslauf lässt Viele glauben ein Wechsel bedeutet Versagen – das ist Blödsinn.

Mind the gap

Ich erinnere mich noch gut an die zwei Jahre Berufs- und Studienorientierung, die ich in der Oberstufe besuchen durfte. Zwei Stunden wöchentlich ging es darum Lebensläufe zu schreiben, Bewerbungsgespräche nach zuspielen und seinen Traumberuf oder den perfekten Studiengang zu finden. Eine Grundregel wurde mir und meinen MitschülerInnen dabei jede Woche aufs Neue eingebläut bis sie sich in meinen Kopf unauslöschlich eingebrannt hat:

Lass auf keinen Fall Lücken in deinem Lebenslauf entstehen!

Jetzt, Jahre später, bin ich klüger und weiß: Die Regel ist nicht unumstößlich. Ich verstehe, was meine Lehrerinnen und Lehrer meinten, wenn sie diesen Satz wieder und wieder herunter beteten. Bei keinem Arbeitgeber fällt die erste Wahl auf einen Bewerber, der nach dem Abi erst einmal drei Jahre auf der faulen Haut liegt, der 20 Semester für einen sieben-semestrigen Bachelor braucht oder schon vier abgebrochene Ausbildungen und Studiengänge hinter sich hat. Der Lebenslauf soll zeigen, wie zielstrebig wir sind, wie diszipliniert und wie klar unser Lebensplan vor unseren Augen steht. Aber mal ganz ehrlich, nur die wenigstens laufen so geradlinig durch ihr Leben.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Ich persönlich war mir nach den zwei Jahren Berufs- und Studienorientierung sicher, ich weiß, wie mein Leben nach der Schule aussieht. Ein halbes Jahr nach dem Abi war ich mir nicht mehr sicher. Ich hatte mich unter den rund 19.000 Studiengängen und über 300 Ausbildungsberufen, die es in Deutschland gibt, für den falschen entschieden. Zu meiner Verteidigung: die Wahrscheinlichkeit dafür war groß. Wobei ich das Wort „falsch“ dabei recht hart finde.

Es klingt abgedroschen, ist aber wahr: Wir lernen aus unseren Fehlern. Ich habe mein erstes Studium nach einem Semester abgebrochen und versucht mich neu zu orientieren. Ich habe in vier verschiedenen Bereichen Praktika gemacht und im Sommersemester in mehrere Studiengänge reinschnuppert, die Chancen hatten beim zweiten Versuch von mir erwählt zu werden.

Gut Ding will Weile haben

Die ganze Zeit nagten die mahnenden Worte meiner Lehrerinnen und Lehrer an meinen Nerven. Ich war gerade dabei ein sehr unschönes Loch in meinen Lebenslauf zu brennen. Dachte ich. Aber ehrlich gesagt bin ich bisher noch nie über die Lücke gestolpert und auf die Nase gefallen. Ich bin auch nicht auf der faulen Haut gelegen.

Nach diesem – euphemistisch formuliert – erzwungenen „Orientierungsjahr“ konnte ich haufenweise neue Erfahrungen vorweisen. Ich hatte neues Wissen aus allen möglichen Bereichen gesammelt, jede Menge hilfreiche Leute kennengelernt und letztendlich auch ein deutlich besseres und weniger naives Bild von mir selbst gewonnen. Ein Jahr nachdem mein erster Studienversuch in einer Bruchlandung endete, habe ich einen zweiten Anlauf gewagt und seitdem verläuft meine Laufbahn genauso wünschenswert, wie meine Lehrerinnen und Lehrer aus der Oberstufe es gerne sehen wollten.

Die Moral von der Geschichte

Ich habe jetzt, zugegebenermaßen sehr ausschweifend, über diesen einen Satz geredet, der mich auf meinen Weg von der Schule in die Hochschule begleitet hat. Der Grund warum ich das gemacht habe ist, weil ich inzwischen verstanden habe, wie kompliziert es ist herauszufinden, was man mit seinem Leben machen will. Dafür kann man nicht einfach einen Satz formulieren und als unumstößliches Gesetz festschreiben. Jeder Mensch ist anders und muss selbst herausfinden, wie sein Weg durchs Leben aussehen soll.

P.S.: es ist auch nicht schlimm, wenn der erste Studiengang oder die erste Ausbildung schon die richtige ist.

P.P.S.: für alle, die bei der Studienwahl noch hadern, hat OTH Professional den Orientierungsstudiengang prepareING entwickelt. Dabei könnt ihr euch ein bis zwei Semester querbeet durch das Angebot der OTH studieren, Prüfungen schreiben und im Anschluss in dem Studiengang weitermachen, der euch am meisten zugesagt hat.